Gesprächsnotizen.

1 Runde, 5 Gespräche, 32 Notizen
ISBN 978-3-033-08058-4
2020


Gespräche zu fünf Themen mit Giulio Bettini, Sybille Braun, Benjaminn Erdmann, Luca Pessina, Daniel Penzis, Norbert Zanbelli.

Stammtisch mit den Architekten Benno Agreiter, Giulio Bettini, Sybille Braun, Benjaminn Erdmann, Luca Pessina, Daniel Penzis und Norbert Zambelli.
 

Wir diskutieren aktuelle Themen und Fragestellungen. Dabei streben wir eigene Erkenntnisse an, ohne uns mit dem Konsens zufrieden zu geben. Frei gedacht, suchen wir Antworten zu Themen und Begrifflichkeiten unserer Zeit: Ist die Dämmung eine Art Kostüm der zeitgnössischen Architektur? Hat beliebiger Ausdruck etwas mit dem Baukastenprinzip zu tun? Gibt es noch den kreativen Schaffensprozess als physisches Phänomen trotz virtual reality?
 

Was treibt uns an? Was ist für uns heute wirklich relevant?
 

Fünf Abende in drei Zürcher Restaurants an denen wir fünf Wortpaare anhand eines persönlichen Textes und einem Bild.

 

PROPORTION IST EINE ZICKE
Giulio Bettini

Für wer die Serie „Proportion“ nicht kennt, die Hauptrolle wird von einer charmanten, eleganten und erfolgreichen Frau gespielt: Vanessa Proportion. In ihrem glamourösen, krisenfreien und exklusiven Alltag begegnet Proportion erfolgreiche Menschen, mit denen sie das ästhetisch Arme, das Nicht-Erfolgreiche, das banale Alltägliches durch abenteuerliche Situationen siegt. In den vielen Staffeln wiederkehrende Kollegen und Compagnons sind: Harmonie, Ihre beste Kollegin; die männliche Kollegenbande von Maas, Kreis und Gleichgewicht; Das immer streitende Paar Rhythmus und Bruch, sowie die überall anwesende Kollegin Diagonal.
Als die erste Staffel mit ungläubigem Erfolg Millionen von Dollars eine bekannten online Fernsehplattform bereichert hat, wurde «Proportion» das Wort der Stunde. Dank der Serie suchte jeder nach Möglichkeiten, aus seinem nicht heroischen, grauen Alltag Gold zu schöpfen. Sei es in der Anordnung der Zuckertüten im Pausenraum von Grossraumbüros, in der Verteilung der Tomaten im Salat oder in der unnötigen Übergestaltung von Fassaden: Jeder sucht die «Proportion».
Ich will über meine beste Erinnerung an diese fantastische Serie erzählen. Ich weiss nicht mehr genau wie es ging, aber irgendwie war es in der Folge alles extrem spannend und sie hat mir tiefe Bereiche von meinem Bewusstsein erschlossen. Wie ging es nochmal? Also, es gab diese Frau (eben: Proportion) und sie war mit ihrer Kollegin Harmonie auf einer Party (oder war es eine Vernissage, oder ein Pool-Apéro: keine Ahnung mehr). Auf jedem Fall geht das übliche chic-Motzen los: Proportion beklagt sich, wie alles um sie schrecklich hässlich und banal sei, aber «zum Glück habe ich stillvolle Kollegen, Leute die verstehen, was Schönheit sei». Ich denke, dass Harmonie etwas beantwortet hat wie: «ja klar, und stell dir das vor, nur Schönheit ist wirklich nachhaltig und werterhaltend».
Proportion war schon beim vierten Prosecco und genau in dem Moment (jetzt weiss ich es wieder: das war eine Pool-Party!) kommt ein Typ vorbei: Mitte vierzig, Manchester-Hosen, 4-Tagen Bart und ja, ein Karo Hemd. «Das war nicht mal das schlimmste dran…» sagte Harmonie in der Folge danach «seine Haare waren so fettig!». Also dieser Mann läuft am Pool vorbei, versucht krampfhaft fünf Bierflaschen von der Bar zwischen den zahlreichen Gästen am Rand vom Pool zu transportieren und -PAAM- fliegt Proportion ins Wasser. «Ich habe es immer gewusst, dass zu viel Absatz unstabil sei, sieht aber sooo gut aus!» argumentierte später Proportion. Ich denke, dass eine ganze Folge lang ging es nur um lästern, wie schrecklich hässlich, unfreundlich und -ja- unelegant dieser Mann gewesen sei. Ein paar Folgen später war das Pool-Ereignis schon von dutzenden spannenden Abendteuer von Proportion und ihren Kollegen überblendet, als sie -Proportion- auf dem Weg zu ihrem Kollegin Vertikalität war. (Proportion versucht immer sie mit Horizontalität zu versönen, aber vergebens) Vertikalität wohnt in einer Attika von einem Hochaus (logisch). Proportion fährt in der Szene Lift und checkt ihre social Media auf dem Smartphone. Und dann, wer steigt ein? Der Typ des Pools! Und was passiert? Der Lift steckt. Ach was für eine spannende Handlung! Ich denke, die Szene wurde auf mehreren Folgen aufgeteilt: Proportion spricht am Anfang nicht, dann beginnt der Typ etwas zu sagen wie «das Bier war nicht übel an der Party» und Schritt nach Schritt (der Liftservice hat gefühlt zwei Tage gebraucht) erzählen die beide gegenseitig ihre tiefste Geheimnisse. Genau hier erfährt Proportion, dass der Typ sie schon an einer Hochzeit kennengelernt hat. Sie war noch jung «uhi war ich jung, ich hatte noch kanonische Verhältnisse im Gesicht» sagte sie einigen Folgen später. Es ging an der Hochzeit damals so: Nach mehreren Weinflaschen und trotz ihre gegenseitigen Meinungsunterschieden haben Proportion und der Typ ein Bett im Hochzeitshotel geteilt.  «Damals waren seine Haare nicht so fettig» begründete sie.
Proportion weisst nicht mehr genau wie der hiess, etwas wie Bau..mann, oder Bau…regel oder ja: Baugesetz.
Und genau hier war ich auf dem Sofa und dachte «mhm Proportion und Baugestezt kennen sie sich gut, ganz gut sogar!». Das war eine Offenbarung! Ob da etwas mehr passiert ist? Kaum stelle ich mich die Frage und der Lift ist repariert worden, sie können raus. Schade, das war richtig spannend. Ob sie kurz verliebt waren? Vielleicht. Manche sagen, die beide haben Kinder bekommen. Logischerweise nicht anerkannte und sie leben im Untergrund.
Manche behaupten sogar (aber die sind wirklich nur Rumors), dass sie eine Tochter haben, sie sollte Architektur heissen. Wahnsinn.
Und sie hat wiederum -inzestuös mit einem Cousin vom Baugesetzt- weitere Kinder: Valletta, Buenos Aires, Paris. Ob das stimmt werden wir in der nächsten Staffel erfahren.
Sie wird leider erst in einem Jahr ausgestrahlt.

 

Proportion und Baugesetz
07.12.2018, Bodega Española, Zürich

 

 

WO HÖRT DIE AREALÜBERBAUUNG AUF?
Daniel Penzis

In der Arealüberbauung liegt die Chache zur Verdichtung, als auch eine übergeordnete Identität im Stadtkörper zu schaffen. Am Beispiel von Berlin-Marzahn werden der Begriff Arealüberbauung und seine Grenzen diskutiert.
1971 beschloss die SED, das Neubaugebiet Berlin-Marzahn für ursprünglich 100’000 Einwohner in 35’000 Wohnungen zu planen. Die Marzahner Plattenbausiedlung wuchs immer weiter und schloss bald die angrenzenden Orte von Hellersdorf, Ahrensfelde, Hohenschönhausen und Lichtenberg ein. Schließlich entstanden Wohnungen für mehr als 450.000 Ostdeutsche. Würde man Marzahn als eigenständiges Stadtgebiet betrachten, so wäre es die viertgrößte Stadt Ostdeutschlands.

 

Arealüberbauung und Stadtkörper
01.03.2019 Restaurant Hardhof, Zürich

Dämmung als Kuchen

Daemmung als Kuchen

Marzahn

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