Realität ist Realitätsbezug
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2018
Realität findet sich zunehmend in der architektonischen Debatte. Fertig mit den Idealismen der 1980er Jahre: Realität! Keine Analogien mehr: Realität! Der Architekt soll sich wieder gesellschaftlich engagieren: Realität! Wie faszinierend auch immer diese Sätze klingen, das Wort «Realität» lässt sich damit nicht besser erschliessen…
Realitätsbezug ist der Schlüssel. Nur mit einem Zugangsverständnis können wir bewusst über «Realität» sprechen und sie als Fundament einer Disziplin verstehen.
Den reinen Konsum als Zugang, den uns Simulationswelten wie Virtual Reality, Facebook und Co. anbieten, schaffen diskursfremde Realitäten. Doch wie erreicht man diese im Zeitalter der naturalistischen, detailbesessenen und ultraglänzenden Renderings, die einfach bequem sind? Der Betrachter soll seine Komfortzone verlassen und beginnen nachzudenken; sich seinen eigenen Bezug erarbeiten; ihm durch Hinterfragen näher zu kommen. Vorstellungskraft bedienen, Unschärfen nutzen, Fantasien zulassen. - indirekte, der Fantasie Freiraum lassende Darstellungen – offene Bilder.
Fantasies have to be unrealistic because the moment, the second that you get what you seek, you don't, you can't want it anymore. In order to continue to exist, desire must have its objects perpetually absent. It's not the "it" that you want, it's the fantasy of "it." The Life of David Gale.
Wenn wir in Räumen, Objekten und Situationen experimentieren, sie «verunklären», können wir ihre Realität verstehen. Material, Form und Figur bilden unsere architektonische Wahrnehmung, doch was beinhalten uns bekannte Situationen, welche Form haben sie und durch welche Figur sind sie für uns erkennbar?
Wir haben versucht uns diesen Themen mit zwei gegensätzlich architektonischen Ausdrücken zu nähern: Das massive, skulpturale Gebilde der Wohntürme am Novosmolenskaya Naberezhnaya (Sokhin, Sokolov, Kurochkin, 1983) und die gefügte Produktionsanlage Morassuti in Padua (Mangiarotti, Morassuti, Favini, 1959). Mit der dreidimensionalen Rekonstruktion und der kritisch-spielerischen Verfremdung untersuchten wir, wie weit ein bekannter Ausdruck umgedeutet werden kann, ohne dass der «Realitätsbezug» zum Originalbau und seiner Konstruktionstypologie verloren geht.
Die Ergebnisse zeigen, dass Realität nicht naturalistisch ist und eine kritische Umdeutung voraussetzt. Das Experiment bereicherte unseren Entwurfsprozess: es ist uns klar geworden, dass der kritische Realitätsbezug wichtiger ist als die reine Neuerfindung, das Benennen des Bekannten entscheidender als das Staunen über das Neue.
Diese Beobachtungen führen uns zu keinem Dogma, zu keiner Form; aber zu einem Umgang mit dem formalen und identitären Inhalt. Daraus entstehen so viele Realitäten, wie viele kritische Ansichten der Wirklichkeit gegenüber möglich sind.